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Der Dicke muß weg

In Saarbrücken gibt es eine Straße des 13. Januar. Es ist eine kurze Straße, sie verläuft von der Daarler Brück, einer Fußgängerbrücke über die Saar, bis zur Mainzer Straße – oder man kann es, wie der Schriftsteller Arnfried Astel in Die Faust meines Großvaters & andere Freiübungen, auch so beschreiben: „Vom Schlachthof zur Polizeikaserne…“ Als ich in Saarbrücken aufwuchs, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, warum eine Straße nach einem solchen Datum benannt war. Konnte mir auch keiner sagen. Ich werde das Gefühl nicht los, daß es einer Straße des 23. Oktober heute ganz genauso gehen würde.

Um es gleich vorweg zu nehmen, am 13. Januar 1935 fand im damals unter dem Mandat des Völkerbund stehenden Saargebiet eine Volksabstimmung statt, deren Ergebnis die Saarländer „Heim ins Reich“ holte (kurzer historischer Abriß hier). Und während ich am letzten Sonntag am Lake of the Ozarks mit Hilfe einer Flasche Wein über Grenzländer im Allgemeinen und im Speziellen brütete, jährte sich die zweite Saarabstimmung vom 23. Oktober 1955 zum 50. Mal. In Saarbrücken gab es wohl einige Feierlichkeiten, doch außerhalb fand Ereignis so gut wie keine Beachtung. Schade.

Es waren aufregende Zeiten für mich, damals. Mein Großvater mütterlicherseits wohnte in Bayern, also im „Reich“, und ich brauchte einen Paß, um bei Einöd die Grenze zu überqueren. Das Dokument, das ich heute natürlich noch viel toller finde als damals, weist meine Staatszugehörigkeit als „Nationalité: sarrois“ aus. Interessanter geht’s kaum noch! Und nun stand auf einmal unser Geld auf dem Spiel, das anders war als die Groschen und Pfennige in Bayern. Und die „Kaffeefahrten“ nach Zweibrücken, wo deutsche Kleidung und Spielsachen eingekauft und dann über die Grenze ins Saarland geschmuggelt wurden. Unser Crèmeschnittchen (Renault 4CV) mit seinem schwarzen Nummernschild, an das ich mich noch heute erinnere: 1958 OE 24 – 24 war der Kreis Saarbrücken-Land, in dem wir wohnten, und alle Autos im Saarland hatten ein „OE“ im Nummernschild (was nach gängiger Folklore „occupation européenne“ bedeutete). Nein, für mich stand fest: Nichts sollte sich ändern.

 

Politisch war das eine andere Geschichte, was ich allerdings erst später so richtig verstanden habe. Warum war „Heim ins Reich“ wieder ein so erfolgreicher Slogan? Hatte man aus 1935 keine Lehren gezogen? Und das europäische Saarstatut klang so verlockend, wer wollte da denn Wurmfortsatz der Bundesrepublik werden? Aber wie das in Wahlkämpfen so ist, die Tatsachen, Wahrheiten kommen als erste unter die Räder. Obwohl die Abstimmung eine Wahl zwischen deutschem Bundesland und europäischem Saarstatut war, also Bundesland oder politisch unabhängig mit wirtschaftlicher Anbindung an Frankreich, wurde im Wahlkampf die Frage auf deutsch oder französisch verkürzt. Mit Frankreichs damaligen Problemen in Nordafrika war es nicht schwer, die (nicht eigentlich vorhandene) Entscheidung für Frankreich sehr negativ zu besetzen. Wer wollte seine Kinder schon als französische Soldaten in Afrika sterben sehen, wie es in der sogenannten „Marokkolüge“ immer wieder behauptet wurde. Der damalige saarländische Ministerpräsident Johannes Hoffmann war, nicht zuletzt wegen seiner französischen Verbindungen, auch nicht eben populär, was im Slogan „Der Dicke muß weg“ seinen Ausdruck fand. Sprüche vom „falschen Bergmannssohn“, die ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe, machten die Runde. (Siehe auch Deutsch bis zum Grab.)

In der Abstimmung entschieden sich 67 Prozent für eine Rückkehr nach Deutschland, und 1957 wurde ich damit deutscher Staatsbürger. Heute noch mehr als damals glaube ich, daß bei dieser Abstimmung eine große Chance verpaßt wurde und Europa bei einem anderen Wahlausgang bereits ein großes Stück weiter wäre. Aber so isses… Manchmal sind die Zeiten nicht reif für das, was sich bietet. Auf der Plusseite: Ich habe schon in der Volksschule Französisch gelernt und die Sprache, unabhängig vom Gymnasialtyp, ganz selbstverständlich bis zum Abitur weitergemacht. Auf dem Felsberg bei Saarlouis steht der französische Sender Europe 1, und wie trostlos wären meine Teenager-Jahre ohne Salut les Copains gewesen. Jedes Mal, wenn ich über den Atlantik fliege und Saarbrücken besuche, freue ich mich, daß es das Saarland noch gibt – es hätte ja auch schon längst in so einen gesichtslosen Klumpen wie Rheinland-Pfalz (sorry, Rheinland-Pfalz) eingegliedert werden können. Und obwohl ich schon über 30 Jahre weg bin und mein Paß mich schon lange nicht mehr als „sarrois“ ausweist, fühle ich mich doch immer noch zuerst als Saarländer.

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One Response to “Der Dicke muß weg”

  1. richie says:

    Danke. So wird (bleibt) Geschichte lebendig.

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