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Das Gruseln lehren

Als ich als junger Spund im Übersetzungsgeschäft anfing, war es der bekannte Übersetzer und Fachbuchautor Günter Richter, der mir unter die Arme griff und mich mit Rat und Hilfe auf den rechten Weg schickte. Ich arbeitete damals für einen großen japanischen Kamerahersteller, und Richter, der für diese Firma das deutsche Material betreute, stand nicht nur anderen Übersetzern schlechthin, sondern besonders solchen in Japan mit großer Skepsis gegenüber. Er hatte gute Gründe: Seine Übersetzungen, ob Bücher oder Broschüren, waren den meisten anderen Übersetzungsprodukten haushoch überlegen – nicht nur sprachlich, sondern auch fachlich, denn Günter Richter war bei Leitz in die Schule gegangen.

Sein Lieblingsthema war der Verfall der deutschen Sprache, und als er dann später aufhörte, für den obigen Hersteller zu schreiben, fiel das Niveau des Textmaterials auch tatsächlich auf ein neues Tief.

In den letzten zwei Tagen war ich mit einerm Auftrag beschäftigt, für den ich öfter mal im „Fachwörterbuch Optik, Foto, Video“ von Günter Richter nachschlagen mußte. Im Vorwort des 1993 erschienenen Bandes fand ich im Grunde die gleichen Klagen, die ich schon 1975 von ihm in Tokyo gehört hatte – was sie allerdings nicht weniger zutreffend macht. Hier einige Kostproben:

„Im deutschen Sprachraum regieren (im Fachbereich Foto und Video) die deutschen Töchter der großen Japaner bzw. deren deutsche Importeure. Und oft genug bereichern sie den Markt mit Druckerzeugnissen, die einem auch nur einigermaßen sprachbewußten »Verbraucher« (oder »Nutzer«, wie es zum Beispiel Canon zu nennen pflegt) das Gruseln lehren. Da werden Sie aufgefordert, das Objektiv »zu montieren« – als ob Sie hierfür einen kompletten Werkzeugkasten brauchten. (Und nur, weil es im Englischen nun mal »to mount« heißt. Aber Übersetzen, wirkliches Übersetzen, gehört offensichtlich einer längst vergangenen Zeit an.) Da »arrangieren« Sie »Ihr« Motiv, wenn es darum geht, den Bildausschnitt zu wählen…. ergötzen Sie sich an Aussagen wie »Sie können aber auch die Schärfe von einem Objekt zum anderen »werfen«. (Nun ja, im Englischen heißt es nun mal »to throw the focus«.) Oder »Die Entfernung von Objekten im Vordergrund für die nahestmögliche Einstellung entspricht der Mindestentfernung, in der ein Objekt vor der Kamera plaziert sein muß, um es noch vollkommen scharf abzubilden.«…. Und noch besser: »Blendenöffnung: Die einstellbare Lichteinfallsöffnung, von der die Lichtintensität der auf den lichtempfindlichen Teil einfallenden Helligkeit gekennzeichnet wird.« (Umpf. Schämen Sie sich nicht, wenn Sie’s auch beim dritten Durchgang nicht verstehen. Es ist schlichtweg Schwachsinn.) “

Go get them, Günter!

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